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  5. Die Geschichte der Kasernen

Wohnen statt Exerzieren

Nach der Heeresreform von 1804 setzte sich auch in Bayern eine allgemeine Wehrpflicht immer mehr durch. Mit dem zahlenmäßigen Zuwachs der Streitkräfte und der durch die waffentechnische Entwicklung notwendig gewordenen längeren Ausbildung der Soldaten wurde deren Unterbringung in Kasernen notwendig. In München wurden daraufhin vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Kasernenanlagen gebaut – allerdings noch nicht auf dem Oberwiesenfeld, das seit 1796 als Exerzierplatz, Artillerie-Übungsgelände und Schießpulver-Depot genutzt worden war.

Das Oberwiesenfeld bildete damals eine große zusammenhängende Fläche, die zunächst kaum bebaut war und nur als Schussbahn und für Aufmärsche genutzt wurde.
Das Schießpulver-Depot wurde am 16. Mai 1835 durch einen Selbstmörder zerstört, der sich wegen angeblich schlechter Behandlung durch Vorgesetzte mit 15.000 kg Schießpulver in die Luft sprengte. Die Explosion ließ bis in die Türkenstraße Fenster zerbrechen und riss weitere neun Menschen mit in den Tod. Das Magazin wurde danach nicht wieder neu aufgebaut, sondern in die Nähe des (damaligen) Dorfes Milbertshofen verlegt.

Nach der Reichsgründung 1871 wurden 1890 die Eisenbahn-Kaserne in der Dachauer Straße und 1896 die Luftschiff -Kaserne (Luitpoldkaserne) in der Infanteriestraße gebaut. Die Typhus-Epidemie von 1893, die wegen der katastrophalen sanitären Bedingungen gleichzeitig in mehreren innerstädtischen Kasernen ausbrach, führte zu einer Verlegung der Militärs in den Randbereich und zu einem Ausbau der Kasernen am Oberwiesenfeld, insbesondere der Infanteriekaserne in der Dachauer Straße.

Zwischen 1931 und 1938 entwickelte sich München neben Berlin zu einem der größten Militärstandorte Deutschlands. Bereits 1931 wurde an der Schweren-Reiter-Straße die Stetten-Kaserne (später Indiana Depot) gebaut. Von 1933 an wurde Deutschland unter den Nationalsozialisten in einer langfristig geplanten offensichtlichen Verletzung des Versailler Vertrags dramatisch aufgerüstet und weitere Kasernen errichtet, darunter 1934 die Waldmann-Kaserne (später Jensen Barracks). Außerdem wurden die bereits vorhandenen Truppenunterkünfte massiv ausgebaut und modernisiert.

Nach 1945 wurden die besser erhaltenen Kasernen von den Alliierten genutzt, hauptsächlich von den Amerikanern. Nach 1955 erfolgte dann der schrittweise Abzug der amerikanischen Truppen und der Ausbau der Bundeswehr, die im Zuge des Kalten Krieges bis auf eine Stärke von 500.000 Mann aufgestockt wurde. Die Stetten- und die Waldmann-Kaserne wurden in der Folge hauptsächlich für Verwaltungsaufgaben, Lehrgänge und als Sammelstelle des Wehrbereichskommandos genutzt, also nicht von Kampf- oder Ausbildungseinheiten mit ihren wehrpflichtigen Soldaten. Viele der hier stationierten Bundeswehrangehörigen wohnten als Zeit- oder Berufssoldaten daher nicht in den Kasernen, sondern in München und im direkten Umfeld. Sie gingen in der Regel nach Dienstschluss nach Hause, so dass die abendliche Prägung des Viertels durch die Freizeitgestaltung von Wehrpflichtigen mit dem entsprechenden Kneipenbetrieb hier entfiel. Dies hatte auch zur Folge, dass es in West-Schwabing nicht, wie in anderen Garnisonsstädten, zu Umsatzeinbrüchen in der lokalen Gastronomie kam, als die beiden Kasernen 1994 aufgegeben wurden.

Die Sportanlagen auf dem Kasernengelände im Bereich des heutigen Ackermannbogens wurden 1972 sogar als Trainingsstätte für die Teilnehmer an der Olympiade verwendet. In der heutigen Elisabeth-Kohn-Straße befand sich die Schwimmhalle, die von beiden Kasernen gemeinsam genutzt wurde. Als mit dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts und dem Ende des Kalten Krieges eine Reduzierung der Bundeswehr folgte, verloren diese Anlagen ihre Funktion und wurden überflüssig. Als das Militär ausgezogen war, gab es zunächst die Überlegung, die Schwimmhalle zu restaurieren und zu einem modernen Schwimmbad umbauen zu lassen. Bei näherer Überprüfung stellte sich allerdings heraus, dass eine Sanierung der maroden Anlage nicht zu finanzieren gewesen wäre.

Ein kleiner, bunter Akzent, der nicht nur für Bayern eine nostalgische Erinnerung an die vergangenen Zeiten des königlich-bayrischen Heeres darstellte, war das weiß-blaue Schilderhäuschen am Kasernentor in der Saarstraße, das – in seiner klassischen Form aus Holz gebaut – gerade mal einem Wachsoldaten Platz bot und dort den Eingang zur Kaserne schützte.

Nach der Wiedervereinigung fiel auch dieses Nostalgie-Wachhäuschen ab 1990 dem planmäßigen Rückzug der Bundeswehr zum Opfer. Im Zuge dieses Prozesses wurden auch die Stetten- und Waldmann-Kaserne 1994 aufgegeben und abgerissen. Letzte Erinnerungen an die militärische Vergangenheit stellen die Erinnerungsplakette für die Schweren Reiter am Beginn der Adams-Lehmann-Straße sowie das ehemalige Offizierskasino an der Winzererstraße dar, das heute als Kantine des Straßenbauamts Verwendung findet.

Dr. Wolfgang Crass

Dieser Artikel erschien zuerst im Ackermannboten, Ausgabe 20, Mai 2013 in der Rubrik VORSICHT BAUSTELLE